Vom Vertrauen und Loslassen

Seitdem mein „Großer“ in die Grundschule gekommen ist beschäftigt mich ein Thema schon sehr: das Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Kindes und Loslassen können.

Es beschäftigt mich mal mehr mal weniger und taucht immer wieder dort auf, wo die Kinder etwas alleine machen möchten. Angefangen vom Umgang mit dem scharfen Messer, kaum dass sie sie Gabel benutzen können bis hin zu alleine mit dem Fahrrad zum Freund im Nachbardorf radeln dürfen bei einem Drittklässler. Und ich fürchte denke das ist noch lange nicht das Ende der Sorgen und Entscheidungen.

Ganz aktuell hat mich dieser Artikel wieder an das Thema erinnert. Ich möchte heute von der Situaton erzählen als ich das erste Mal wirklich mit meinen diesbezüglichen Ängsten konfrontiert wurde. Klar gab es schon viele solcher Momente vor diesem besagten Tag- z.B. die Sache mit den scharfen Messern. Aber alle diese Ereignisse betraffen Dinge wie eben das Helfen in der Küche bei denen ich anwesend war.

Etwas ganz anderes war es als ich das erste Mal wirklich voll und ganz loslassen und Vertrauen musste: der Weg zur Schule!

Wir haben sowohl im alten Haus als auch jetzt nie mehr als 10 Min. (Erwachsenen)Fußweg von der Schule weggewohnt. Immer auf dem Dorf und in einer vergleichsweise sicheren Umgebung, wo jeder, jeden kennt. Wir haben von klein auf das richtige Verhalten im Straßenverkehr vorgelebt und dann auch aktiv geübt. Doch einige Wochen vor dem Ende der Sommerferien erzählte mir die Bäckersfrau die Geschichte ihrer Tochter, die genau auf der Straße vor dem Geschäft, der Hauptstraße des Ortes, die auch mein Sohn auf seinem künftigen Schulweg überqueren musste, überfahren wurde. – Ich war geschockt- anders kann ich es nicht sagen. Mein kleiner Junge sollte sich auf diesen gefährlichen Weg machen und das ganz alleine!

Dazu kam, dass ich zu diesem Zeitpunkt hochschwanger war und ohnehin ständig mein Beschützerinstinkt verrückt spielte. Am liebst hätte ich ihn täglich den Weg zur Schule gefahren oder begleitet. Dass das völlig übertrieben war war mir irgendwo in meinem Innersten auch klar aber mein Herz sagte etwas anderes.

Ich wusste ich kann meinem Kind vertrauen, dass ich ihm alles beigebracht hatte, was er brauchte um die Situation zu meistern, aber ich konnte nicht loslassen.

Was haben wir gemacht?- Ich habe ihn immer wieder allein vorrauslaufen lassen auf dem Weg zum Bäcker. Die ganzen restlichen Sommerferien. Jedesmal konnte ich sehen, dass er alles richtig machte und immer gut aufpasste an der Straße. Und als der erste Schultag kam und wir ihn zur Schule begleitet haben hat er uns bzw. seinem kleinen Bruder erklärt wo man stehen bleiben muss und wie man über die Straße geht. Das war es! Dieser Moment, in dem er von sich aus die Führung übernommen hat war der Moment in dem ich loslassen konnte. Ich war so stolz auf ihn!

Seit dem habe ich gelernt hinzusehen. Meine Kinder zeigen mir von sich aus wann sie soweit sind. Wenn er von sich aus kommt und fragt ob er ins Nachbardorf radeln darf um den Freund zu besuchen (ca. 15 Min. Fahrzeit), sage ich ihm wann er wieder da sein soll und unterdrücke den Drang nach einer halben Stunde anzurufen ob er angekommen ist. Er kann Radfahren, weiß seit Jahren dass er mit niemandem mitgehen darf und kennt den Weg.

In seinem Alter bin ich allein durch das ganze Dorf geradelt von einem Spielkamerad zum anderen und meine Mutter wusste nur wo ich hinwollte.- Sie hat mir vetraut. In meine Fähigkeiten und meine Entscheidungen. So bin ich aufgewachsen.

Wann sind aus uns Kindern der 80er Eltern geworden die alles kontrollieren wollen und ihre Kinder überbehüten? Warum fällt es uns so schwer in die Fähigkeiten unserer Kinder zu Vertrauen und daran zu Glauben, dass wir ihnen alles mitgegeben haben um die richtigen Entscheidungen zu treffen? Denn dass ich mit meinem „Problem“ nicht alleine bin sehe ich in meinem Umfeld.

Das zeigt auch die Reaktion der Eltern in unserem Umfeld, die mich geradezu panisch darauf hinweisen, dass mein Sohn im Baum auf dem Spielplatz klettert. Der Baum ist sehr hoch und so sicher wie ein Baum nur sein kann- er wird regelmäßig gepflegt und kontrolliert und hat starke, gesunde Äste. Mein Mittelkind ein begeisterter Kletterer. Er hat das lange geübt und hat sich dabei immer höher hinauf gewagt. Er ist nicht von Anfang an bis ganz oben geklettert. Er hat gelernt seine Kräfte und Fähigkeiten einzuschätzen.- Was beim Großen der Schulweg war ist hier der Baum. Aber ich vertraue auf ihn. Er geht nie höher als er sich selbst zutraut.KLetterbaum im Garten

Wie sollen sich unsere Kinder entwickeln, wenn sie sich nicht ausprobieren dürfen? Nur wer an seine Grenzen gehen kann und seine Fähigkeiten ausprobieren darf kann sich weiterentwickeln.

Und ist es nicht das was wir wollen? Das unsere Kinder zu selbstdenkenden, eigenständigen Menschen heranwachsen?

Ich frage mich was das Nesthäckchen sich wohl ausdenken wird?

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